Rückblick

Angst vor Mathematik wird „vererbt“

Was Angst vor Mathematik mit den Eltern zu tun hat und warum vermeintlich „kindgerechte“ Abbildungen in Mathematikbüchern abträglich für den Lernerfolg sind, war Gegenstand des sechsten „Gmünder Tag der Grundschulmathematik“, der vom Zentrum für Wissenstransfer der PH Schwäbisch Gmünd (ZWPH) und dem Institut für Mathematik und Informatik an der Gmünder PH veranstaltet wurde.


Interessierte Teilnehmer auf dem Gmünder Tag der Grundschulmathematik
Interessierte Teilnehmer auf dem Gmünder Tag der Grundschulmathematik

So zeigte der Arzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie Prof. Michael von Aster (Berlin, Potsdam, Zürich), dass die Angst vor Mathe und Schwierigkeiten im Mathematikunterricht nicht etwa angeboren seien. Viel entscheidender seien die Erfahrungen, die Kinder mit Mathematik machten. Erheblichen Einfluss hätten zudem die Eltern: Untersuchungen zeigten, dass Eltern, die der Mathematik ängstlich oder abneigend gegenüber stehen, diese Angst unbewusst auf die Kinder übertragen, sobald sie mit ihren Kindern gemeinsam Hausaufgaben machen. Gleiches gelte für Lehrerinnen und Lehrer, die sich in Mathematik wenig zutrauten und ängstlich an neue Aufgaben herangingen.

Gehirnscans zeigten zudem, dass Angst das Arbeitsgedächtnis beanspruche. Infolgedessen sinke die Kapazität für weitere Denkprozesse. Gravierend wirkten sich vor allem dauerhafte bzw. chronisch auftretende Stress- oder Angstfaktoren aus. Dabei verkleinere sich die Amygdala, das Zentrum für Angstverarbeitung, durch dauerhafte Angstzustände. Ein Schutzmechanismus, der langfristig zur emotionalen Abstumpfung und letztlich zu depressiven Störungsbildern führen könne.

Für Lehrerinnen und Lehrer gelte deshalb, dauerhaften und destruktiven Stress für Kinder zu vermeiden. Dass nicht nur negatives Lehrer-Feedback bei Schülerinnen und Schülern Stress verursacht, sondern auch eine fehlende didaktisch-methodische Passung, zeigte Prof. Klaus-Peter Eichler (Schwäbisch Gmünd, Bodø) in seinem Vortrag. Als Experte für Mathematikdidaktik untersuchte er konkrete Übungsformen und Lehrmaterial hinsichtlich ihrer Eignung, bei Kindern eine tragfähige Orientierungsgrundlage zu erreichen. „Abbildungen von Pinguinen und Eiskugeln in mathematischen Schulheften regen zwar die kindliche Fantasie an, dienen aber kaum der aktiven eigenen Sinnkonstruktion“, erläuterte Eichler. Daher seien sie der konzentrierten Arbeit eher abträglich. Gerade diese Art von „kindgerechten“ Verpackungen lenke ab und führe dazu, dass vor allem lernschwache Kindern meist mehr damit beschäftigt seien herauszufinden, worin genau die Aufgabe bestehe.

Vortragende Prof. Michael von Aster und Prof. Klaus-Peter Eichler auf dem Gmünder Tag der Grundschulmathematik
Vortragende Prof. Michael von Aster und Prof. Klaus-Peter Eichler auf dem Gmünder Tag der Grundschulmathematik

Für die anwesenden Mathematiklehrkräfte und Lerntherapeuten und -therapeutinnen stellte die Veranstaltung eine wichtige Hilfestellung dar, bei der sie viele konkrete Anregungen mitnahmen, wie sie Unterricht und Förderung angstfrei und zielführend gestalten können.